Ein neuer Bettbegleiter

Ein Plädoyer fürs Lesen

Montaignes „Essais“ und der Buchdruck, Teil 2

Zuerst Teil 1 lesen?

Der Buchdruck zeichnete Landkarten neu und übrigens viel differenzierter nach, indem er Sprachräume offenlegte, für die in einer bestimmten Sprache publiziert wurde. Gleichzeitig — im Falle der Übersetzung — erzeugt das handliche Medium beim Lesen eine universelle Unmittelbarkeit, so als habe beispielsweise ein Montaigne nicht auf französisch, sondern auf deutsch geschrieben. Die Äußerung Michel de Montaignes‘, „ganz gleich in welcher Sprache seine Bücher mit ihm redeten, er rede mit ihnen in der seinen“, unterlegt den Anspruch der sprach-, zeit- und kulturübergreifenden Universalität. Wer heute beispielsweise Platons „Phaidros“ liest (übrigens eine scharfe Kritik an der sich damals verbreitenden Schriftkultur), tut dies meist in der Muttersprache.

Michel de Montaigne, „Essais“, Frankf./M.: Eichborn 1998.

Die 1998 erschienene, deutschsprachige Ausgabe der „Essais“ ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie das Medium Buch ein und denselben Text in eine neue Kultursphäre verlagert. Wie schon angedeutet, geht es dabei nicht allein um die Übertragung der „Essais“ aus dem Französischen ins moderne Deutsche, sondern besonders die Verlagerung vom Beginn des Buchdruckzeitalters ins Internetzeitalter.

Hervorstechendes Merkmal an der Enzensberger–Ausgabe der „Essais“ ist zunächst die physische Größe des Buchs. Der Vergleich zwischen Original und der deutschen Ausgabe zeigt: Das Buch ist gewachsen! Das der Übersetzung zugrunde liegende Exemplaire de Bordeaux überschreitet nur um wenige Zentimeter das Octav–Format, während die Enzensberger–Ausgabe an das Folio–Format heranreicht. Desweiteren überbietet letztere die Zeilenanzahl pro Seite um mehr als das anderthalbfache und ist in zwei Kolumnen gesetzt. Damit erinnert die Neuausgabe an die Gutenberg–Bibel (s. dazu unten), welche die Aufteilung des Schriftbildes in zwei Spalten den Schreibgewohnheiten der Kopisten nachempfunden hatte.

Die Ausgabe enthält maßstabsgetreue Ansichten der Originalausgabe.

Der neue Bettbegleiter

Die Ironie dabei ist: die große Innovation, die der Buchdruck (im Unterschied zum unhandlichen Manuskript) so nebenher bescherte, war die Handlichkeit des Mediums, und besonders diese Handlichkeit war eines der hervorstechenden Merkmale der Originalausgabe der „Essais“. Es enthielt nicht nur „intime“ Inhalte, sondern es taugte auch zum Bettbegleiter!

Die Kapitelanfänge der Neuausgabe zieren holzschnittartige Initialien; Beginn und Ende der einzelnen Kapitel (bzw. „Bücher“) werden von — ebenfalls dem Holzschnitt nachempfundenen — Vignetten markiert. Das Buch als Produkt der Gegenwart kokettiert mit den Anfängen des Buchdrucks und referenziert damit auf eine Zeitenwende.

Das Erscheinungsbild der Enzensberger–Ausgabe ist sowohl eine Kommentierung Montaignes und seiner Zeit, die von den fundamentalen Veränderungen des Buchdrucks berührt war, wie auch einer Gegenwart, die sich computerisiert und vernetzt von der Buchkultur abzuwenden meint. Der Eichborn–Verlag bewarb die Neuausgabe der „Essais“ übrigens als „prächtig ausgestattete Bibel für Skeptiker“. Denn die Stil- und Formelemente sind ja bewusst gewählt: Die 1998er Ausgabe der „Essais“ ist ein Plädoyer fürs Bücherlesen.

Würde man nun die eigentliche Neuerung der Originalausgabe Montaignes in die Gegenwart übertragen, müsste man die „Essais“ dann nicht als E-Book auf dem Smartphone lesen (auch wenn‘s den Bibliophilen wehtut)? Nun ja. Man dürfte nicht vergessen, den Flugzeugmodus ein- und Mitteilungen aller anderen Apps auszuschalten. Und natürlich: Akku aufladen nicht vergessen…

Teil 1 lesen.

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